Fliegen


Ich fliege - ab halb sechs bin ich auf dem Weg zum Flughafen, um Viertel nach dann die Suche nach dem Langzeit-Parkplatz "Spar", P23, auf dem das Internet vorhin noch ein paar frei Plätze gemeldet hat. Nach einigem Kurven durch den Schilderwald findet sich dann endlich auch ein Wegweiser zu Langzeit Spar, die elektronische Anzeige verkündet, dass noch Plätze frei wären. Folgt man weiter, kommt man zu P24, der voll besetzt ist, wie schon im Netz zu lesen war. Kein anderer Parkplatz in der Nähe, habe ich was übersehen? Weiter kurven, kein P23, wieder am ersten Schild, immernoch freie Plätze angezeigt, wieder gefolgt und diesmal aufgepasst, immernoch kein P23, dafür P24 noch immer voll, dort zeigt ein kleines Schema des Flughafens P23 in einer ganz anderen Ecke, ich steuere Langzeit "verschwend" an, der mit Leichtigkeit zu finden ist, bei zehn Tagen allerdings dezente 85 statt 40 Euro kostet. Dafür sind die Wegweiser aber sogar werbefrei. Die Schilder zu Langzeit "spar" sind all quer mit der Werbung für irgendeinen scheiß Reiseveranstalter zugekleistert, und ich frage mich, ob mir Langzeit "verschwend" den Aufpreis nicht schon allein wegen der werbefreien Schilder wert ist (die es vermutlich auch nur sind, weil sie noch vor dem Aufkommen dieser neuen "Geschäftsidee" aufgestellt wurden). Was wollen die eigentlich damit erreichen? Gilt für Werbung vielleicht das gleiche wie für die Publicity von C-Promis, "Es gibt keine schlechte Publicity"? Will man als werbende Firma so erinnert werden, wie etwa "Holiday -Tralala? Klar, die kenn ich, das sind doch die blöden Arschlöcher, die am Flughafen die Wegweiser mit ihrer Reklame zukleistern!" Das erschließt sich mir nicht so ganz, hat in etwa den Charme eines Sprayers, der statt brav Hauswände zu verschönern Ampeln und Straßenschilder umgestaltet.

Sehr klar ist allerdings das Geschäftsmodell der Nicht-Mehr-Duty-Free Läden, durch die man neuerdings auf weitläufig mäanderndem Weg hindurch muss, wenn man zu seinem Gate will. Selbst der letzte Vollpfosten hat inzwischen mitbekommen, dass es bei Flügen innerhalb der EU seit mehr als einem Jahrzehnt keine Steuer- und Zoll-Befreiung mehr gibt, und diese Läden also noch weniger preisgünstig sind, als sie es zuvor vielleicht mal waren. Daher die neue Taktik. Bei der Handgepäck- und Ganzkörperuntersuchung wird einem ja praktischerweise jeder Tropfen Flüssigkeit, sofern er sich nicht schon im Körper befindet, abgenommen. Nur wenige Schritte später folgt dann der Zwangsbesuch im Sprituosen-Laden. Die scheiß Raucher dürfen ihre Kippen ja leider einfach so mitnehmen, aber die Alkoholiker, ja, die kann man hier bestens fangen - folgerichtig finden sich dann auch fast ausschließlich hochprozentige Alkoholika am Wegesrand, bis die Gates endlich erreicht sind. Da gibt's dann wieder den Wegweiser-Trick, nur nicht ganz so plump wie bei "Langzeit spar". Überall hängen Monitore von der Decke, so wie die, auf denen normalerweise Abflug-Informationen angezeigt werden. Nur läuft auf allen Werbung. Die gesuchten Informationen findet man irgendwann auf einer etwa 1,70 m hohen LCD-Anzeige, die auf dem Boden steht. Man sieht sie erst, wenn man sie fast schon umrennt. Und bis dahin scannt man brav die Werbe-Monitore in der verzweifelten und immer enttäuschten Hoffnung, einer davon berichte vielleicht doch von den Abflügen.

Dann geht's aber endlich ans Fliegen. Daran, dass man die Urlaubsflieger grundsätzlich nicht am Gate besteigt, sondern dass man mit einem rumpeligen und überfüllten Shuttle-Bus irgendwo im Flugfeld abgeladen wird, wo sich die "spar"-Parkplätze für Flugzeuge befinden, und auch, dass die Abmessungen der Sitze solcher Flieger es nicht erlauben, mit durchschnittlicher Statur ohne Platzangst und Ganzkörper-Krampf ans Ziel zu kommen, ja, daran hat man sich schon gewöhnt und im Vorfeld bereits abgefunden. Ich brauche mich also jetzt nicht mehr ärgern, und tue es auch nicht (fast). Dass die Saftschubsen m/w hier, freundlich gesagt, ein wenig abgehalftert aussehen, stört mich nicht, ich muss mich ohnehin auf meine Platzangst konzentrieren und gelegentlich versuchen, die Krämpfe wegzumeditieren. Die müde Teilnahmslosigkeit, die gelegentlich auch in Übellaunigkeit umschlägt, kannte ich bislang allerdings nur von chronisch unterbezahltem Gastronomie-Personal die Ursache ist wohl die gleiche. Dann gibt's da noch die Lautsprecheranlage, die genau drei Stufen kennt. Eine leise für Fahrstuhlmusik und Durchsagen, eine mittlere für Gefahrenhinweise und Notfälle, und eine laute für Werbung. Wer zumindest Fahrstuhlmusik und Notfalldurchsagen entgehen will, kann sich einen Kopfhöhrer für die Passagier-Bespaßung kaufen. Der eigene passt garantiert nicht, es sei denn man hat zufällig mal einen von der gleichen Fluggesellschaft aufgehoben und daran gedacht, ihn mitzunehmen. Die international schon seit der Walkmen-Ära der 1980er durchweg verbreiteten Standard-Klinken-Stecker findet man in Flugzeugen garantiert nicht. Wer einfach eigene Musik höhren will, muss sich den Betrieb jeglichen elektrischen Gerätes ausdrücklich vom Boardpersonal genehmigen lassen, auch auf Reiseflughöhe. Ich benutze illegal meinen Ipod, der aber inzwischen wohl aus Alters- oder Abnutzungsgründen so leise ist, dass er schon mit Stufe zwei kaum mithalten kann.

Und dann, als früher auch in Billigflügen ein belegtes Brötchen gereicht wurde, gibt es auch jetzt etwas zu Essen. Für die, die bereit sind, draufzuzahlen. Für schlappe zehn Euro bekommt man etwas, dass nicht viel genießbarer aussieht, als das, was der Rest umsonst bekommt. Allerdings prangt auf den Verpackungen das hippe Logo der Sansibar und vor allem kann man eine Dreiviertelstunde früher etwas essen, als der schmachtende Rest. Die Hälfte des Fluges gab's auch noch das alte Gang-Problem. Wer in der vollbelegten Sitzreihe eines engbestuhlten Fliegers am Gang sitzt, dessen Schulter ragt immer ein wenig in den Gang, so er nicht mit seinem Sitznachbarn dauerkuscheln kann oder will. Manch einer lässt sich dazu verlocken, den Gang noch weitergehend als Erholungsgebiet für Körperteile zu benutzen, wie mein Gangnachbar. Gönne ich ihm ja auch, nur leider rammt jeder einzelne Vorbeikommenden jetzt meine Schulter während er versucht, an den Nachbarsbeinen ohne Stolpern vorbeizukommen. Beim Lesen irritiert das schon ein wenig. Nach zehn Remplern stelle auch ich mein Bein heraus, die Vorbeikommenden müssen jetzt seitlich auf Zehenspitzen und mit angehaltenem Atem hindurchtippeln, aber ich kann in Ruhe lesen. Nach vier Stunden ist die Urlaubsinsel erreicht, endlich. Eigentlich könnte ich mich jetzt freuen.